Meine Damen und Herren,

gerne würde ich diese Rede jetzt beginnen, vielleicht mit einem Witz oder einer Anekdote, und gerne würde ich dabei um ein Donald-Trump-Zitat herumkommen oder vermeiden, über die österreichischen Zustände in Europa zu sprechen, was mir wirklich schwerfällt. Dass Österreich den Atem angehalten hat, weil Atemanhalten eine zeitgemäße Überlebensform von politischen Systemen ist, oder dass Österreich zurückwollte und immer noch zurückwill in andere Zeiten – sowas in der Art. Aber, keine Sorge, ich beginne nicht, obwohl – ein Witz wäre schon gut. Vielleicht sogar über mein Unverhältnis zur Militärmusik, ob kärtnerisch, salzburgisch oder steirisch, vielleicht über Jubiläumsreden insgesamt, die Zahl 50. Ich bin allerdings sehr schlecht im Witze erzählen. Nicht nur schlechtes Timing ist mein Problem, ich verlaufe mich regelrecht in ihnen, nehme Pointen vorweg oder vergesse sie. Man kann ja auch alles Erdenkliche beim Witzeerzählen verkehrt machen, am Ende lachen die Leute an den falschen Stellen oder über die falschen Figuren oder wissen nicht, warum sie jetzt lachen sollen. Vielleicht verstehen sie die Witze gar nicht. Wie oft schon bin ich bei Abendgesellschaften gesessen und irgendjemand hat den eben erzählten Witz gar nicht verstanden, man musste ihn erklären, man stelle sich vor – einen Witz erklären, und dieses peinliche Erklären nahm dann kein Ende. Nein, nein, sie sind die reinsten Fallen, soziale Stolperfallen. Aber trotzdem: Ein Witz wäre schon gut, vor allem in Zeiten wie diesen. Nur: Er kostet Zeit. Und wer hier im Raum hat die schon wirklich? Uns brennt sie ja permanent unter den Nägeln. Kürzlich erzählte mir eine Radioredakteurin, gewisse Onlinehörer würden die Sendungen in doppelter Geschwindigkeit abhören, um Zeit zu sparen. Da wirkt es doch beinahe stur, wenn in Onlinezeitungsartikeln die minutenkorrekte Lesedauer angegeben wird. Es versteht sich für immer mehr künstlerische Äußerungen von selbst, dass das drohende Zeitinvestment bekannt sein muss. Denn heutige Zuhörerschaften sind stets darauf aus, Zeit zu sparen. Und wie können wir hier Zeit sparen? Mit Shakespeare. Klar.

Time is out of joint – ja, so könnte man beginnen. Dieses Shakespeare-Zitat ist für alle sofort verständlich, niemand wird bestreiten, dass die Zeit heute aus den Fugen ist. Aber was das genau bedeutet, das legt jeder anders aus, und schon haben wir ein Problem. Außerdem wissen wir von Hamlet, dass so etwas kein gutes Ende nimmt. D. h., das, was aus der Fugenlosigkeit der Zeit erwächst, ist meist Krieg und Gewaltherrschaft. Und leider muss man heute sagen, diese Kriege erwachsen nicht mehr, sie umgeben uns bereits. Ein Feuerring habe sich um Europa gelegt, so wird die vielfache Krisensituation an den Rändern des Kontinents beschrieben, auch wenn sich in diesem Jahr zum ersten Mal seit 2012 etwas bessere Befunde ergeben. Wenn die Zeit aus den Fugen gerät, verlieren die Dinge ihren Bezugsrahmen, und wir die Orientierung. Wem soll man noch glauben? An was soll man sich halten? Wie kann man überhaupt noch handeln? Am besten drückt da jemand einmal auf die Stopptaste. Oder noch besser, drückt jemand gleich auf Rewind, so nennt man das, was andernorts als Rückwärtsgang bezeichnet wird. Der Soziologe Zygmunt Bauman hat mit seinem Buch über die Retrotopien unserer Zeit eine Landkarte dieser Rückwärtsgänge erstellt. Er zeichnete nach, wo sie überall eingelegt werden. Von der Popkultur bis zur Politik. Von der Retromode bis zum Nationalismus, vom Sequel bis zum ländlichen Wiedereinsatz des Pferdefuhrwerks. Ihn interessierte vor allem die Verbindung der Nostalgie zu dem Bedürfnis nach Sicherheiten, denn die gute alte Zeit ist eine vermeintlich sichere, und auch Rückwärtsgänge brauchen Antriebskräfte. Anscheinend verhält es sich heute so, dass Walter Benjamins Angelus Novus die Blickrichtung umgedreht hat, er blickt nicht mehr mit Grauen zurück in die Vergangenheit, wo Katastrophen sich auftürmen, sondern zurück in die Zukunft, in der sich die schlimmsten Erwartungen verdichten, genug an katastrophischem Material, um einen wahrhaftigen Sturm anzufachen, der ihn zurücktreibt in Richtung einer fiktiven Vergangenheit. Aber eine Epoche, die nicht mehr sich in zukünftige bessere Zeiten träumt, sondern in eine Vergangenheit hinein, hat ein Problem. Denn zurück, soviel ist klar, können wir nicht. Vorwärts allerdings auch nicht so recht. Die Zukunft ist nämlich auch nicht mehr das, was sie einmal war, um den Komiker Karl Valentin zu zitieren, vielleicht muss man das in diesen Tagen sogar schärfer formulieren: Die Zukunft ist vielleicht gar nicht mehr das, was sie sein sollte: Nämlich zukünftig. Sie ist immer bereits schon vorhanden. Ob durch Risikokalkulationen, ob durch ein bereits Verwettetsein, dem großen Ausverkauf, oder durch diesen Zustand, den der Philosoph Hans Ulrich Gumbrecht als die „breite Gegenwart“ bezeichnet hat.

Er sprach von uns als Zeitgenossen, die grundsätzlich alles verlängern wollen. Eine Situation, einen Aufenthalt, den gegenwärtigen Zustand. Es soll so weitergehen, wie es jetzt ist. Noch ein bisschen konsumieren, noch ein wenig so weitermachen wie bisher. Oder auch nur ein wenig längere 90er-Jahre, allerdings bitteschön in unserer Version, nicht in der gewisser Nachbarländer.

Während sich Datenberge zu einem unüberwindlichen Vergangenheitsgebirge auftürmen, auf die nur scheinbar unbegrenzt Zugriff besteht, haben wir die Zukunftshorizonte geschlossen und vermeintlich jegliche Wahlmöglichkeit verloren. Die allgemeine Alternativlosigkeit ist ausgebrochen, konterkariert von jener ruppigen Alternativwut, die rein destruktiv ist und meist beide Augen verschließt. Die Szenarien sind bereits zu Ende erstellt. Die Zukunft existiert nur in den Versionen zwischen 1,5 oder 3-4 Grad Erderwärmung. Wir ringen in den Fridays for future bereits immer um den ganzen Planeten, ein unfasslich großes Bild, zu groß für unsere menschlichen Dimensionen. Irgendjemand oder irgendetwas hat uns in diese aus-den-Fugen-befindliche Zeit gesteckt. War es wirklich ein Datum, der elfte September oder ein anderes im August 2008 mit dem Namen Lehman Brothers? Vielleicht sollten wir auch die Gründung von Silicon Valley als Startpunkt der Desintegration annehmen. Die digitale Revolution ist vermutlich in ihren Auswirkungen nicht zu unterschätzen. Ob es unsere Entscheidungsfähigkeit ist, die von der künstlichen Intelligenz bereits eingeschränkt ist und die demokratische Kontrolle darüber zum Problem macht, oder ob es die neue Beweglichkeit der Börsen ist, die durch die digitalen Brokersysteme erhöht wird. Vielleicht müssen wir gar bis zu Erfindung der Dampfmaschine zurück? Am Ende gibt es gar keinen ausmachbaren Startpunkt, sondern nur den schon lange in eine Beschleunigung geratenen Kreislauf der Ausbeutung natürlicher Ressourcen.

Zukünftigkeit zurückzuerobern gehört längst zu den Grundaufgaben der Kunst mit all ihren Möglichkeitsformen, den Vorstellungsräumen, Paralleluniversen, die es zu erstellen gilt. Alleine das Repetitive der Musik, die Taktung, der Rhythmus ist Bestandteil einer Zeittechnologie der Öffnung und Wiederaneignung. Umgekehrt hat bereits der pythagoreische Gedanke der Sphärenharmonie den Bewegungen der Himmelskörper eine Musik zugeordnet und diese mit der Mathematik und der Zeit verbunden, ja, ihr einen zentralen Stellenwert eingeräumt. In der Literatur spricht man ohnehin vom Chronotopos, von einer Raum-Zeit-Organisation, und hat damit längst die lineare Vorstellung verabschiedet, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wie auf einer Perlenkette aufgefädelt sieht. Sprache kann vieles. Und vielleicht ist es gerade gut, dass ich diese Rede nicht wirklich begonnen habe, am Ende wäre ich Ihnen mit einem Konjunktiv zwei gekommen, und futsch wäre jede Möglichkeit eines Blicks nach vorne gewesen.

„hätte, hätte, Fahrradkette“, und „würde, würde, Hürde“, das kennen wir doch: Hätte ich doch meine Rede nicht mit einem Witz begonnen, wäre doch nicht ein Donald Trump uns in die Quere gekommen, existierte doch nicht diese Spaltung in unserem Land! Doch wenn Sie jetzt meinten, unsere Sprache sei immer konkret zeitlich verankert, und über die herkömmliche Grammatik seien enge Grenzen gesetzt, dann müsste ich Ihnen erwidern: Nein, ganz und gar nicht, denn es gibt ja nicht nur die uns bekannten grammatischen Zeitformen, sondern ganz andere, gewissermaßen unentdeckte. Der französische Dramatiker Valère Novarina hat sich an diese Arbeit der Zeitsuche gemacht und vor kurzem „1.613 und 11 fiktive Zeitformen“ vorgestellt, die uns in andere Dimensionen befördern. Da wären, in der wunderbaren Übersetzung von Leopold von Verschuer:

Die ferne Gegenwart, das Futur Inaktiv,
die Vordermöglichkeit, der Inkonditional,
der Verfallsdatal, das latente Futur, der Stagnativ,
der Erfindativ, der Reminiszens, der Noch-nicht-da,
das Schlimmperfekt, die laufende Gegenwart,
das Mehr-als-Vorbei, der Konjugativ,
das Minder-als-Präsens, die unvollendete Vergangenheit,
die Schlimmer als Gegenwart, der Geduldsjunktiv,
die Unwünschenswart, das Schlimmsteritum,
die Hintergangenheit, der Subkonditional,
das Zwangspräsens, das Hypochron, die Missvorigkeit,
das Müdungsfutur, der Prolego-Grüblativ,
der Perhypotal-Hintergrammativ,
das Deblockativ-Präsens,
das Plusquampräsens, der Widmativ,
das Kürzlich-schon-Weg, die Nachgegenwart,
die Sichtbarheit, das Mehr als Futur, der Fortbestantiv,
das Pressend, der Glutamino-Durativ, der Lokativ,
der Injunktiv, der Niemals-Mehr, der Glaubhaftiv,
der optive Optativ, der bewusste Deaktiv –

z. B.
Sie sehen, wir haben hier eine ziemliche Auswahl, wenn wir uns nur Mühe geben, und das Erstaunliche ist, dass diese Zeitformen uns vor allem an das Präsens erinnern, nicht an die „breite Gegenwart“ von Hans Ulrich Gumbrecht, sondern das Hier und Jetzt, nennen wir es das soziale Präsens, das uns an einem Ort sein lässt und uns vielleicht Handlungsoptionen eröffnet. Niemand kann sich als ständiger Einwohner in diesem Land bezeichnen. So schnell verschwindet es, und manchmal ist es auch gut, dass es eine bewegliche Sache bleibt. Wer aber nimmt es uns weg? Die Medien, lautet darauf die Standardantwort, z. B. auch hier und jetzt in diesem Saal, sie geben doch den Takt vor. Einmal fragte ich Schauspieler, inwiefern sich das Publikum in den letzten Jahrzehnten verändert habe. Ein älterer Vertreter der Zunft antwortete mir: Wenn er heute in Richtung Publikum blicken würde, würde er im Gegensatz zu früher bläulich beleuchtete Gesichter sehen. Beleuchtet vom Widerschein der Handys, die die doch eigentlich Zusehenden während einer Theateraufführung bedienten. Seither fallen mir die beleuchteten Gesichter überall auf. In Autos, U-Bahnen, Zügen, Hörsälen. Aber es sind nicht nur die Medien, die uns aus dem Präsens reißen, auch die enge Taktung eigentlich der meisten beruflichen Welten, das Multitasking, sie sind regelrechte Killer des wahrgenommenen Augenblicks. Zu vieles findet einfach gleichzeitig statt und verlangt unsere Aufmerksamkeit.

Aus alldem entsteht eine neue Krankheit. Die Angst zu verpassen heißt sie, die auch schon einen Namen hat: FOMO (fear of missing out), die nur kuriert werden kann mit JOMO (joy of missing out), als gäbe es nur diese beiden Optionen. Heute Abend, soviel sei verraten, sollten Sie beides nicht benötigen.

Der Philosoph Jacques Rancière schreibt über das politische Tier Mensch, dass es ein sprechendes ist. In die griechische Philosophie zurückgehend entwickelt er folgenden Gedanken: „Doch der Sklave besitzt die Sprache nicht, obwohl er sie versteht. Nach Platon können sich die Handwerker nicht um die gemeinsamen Angelegenheiten kümmern, weil sie nicht die Zeit haben, um sich etwas anderem als ihrer Arbeit zu widmen. Sie können nicht anderswo sein, denn die Arbeit wartet nicht.“

Das klingt doch arg vertraut, oder? Die Arbeit wartet auch heute nicht, sie düst mit vielen von uns davon, schickt alles in die ewige Beschleunigung. Aber wo fängt die Arbeit an, wo hört sie auf? Das zu definieren ist in unserer Zeit viel schwieriger. Es gilt ja permanent als Tugend, an Tempo zuzulegen oder an Fahrt zu gewinnen. Selbst Tiere werden jetzt so gezüchtet, dass sie schneller wachsen, um schneller sterben zu können. Das Beschleunigungsgen wird allem zugesetzt, selbst technischen Geräten, denn diese Beschleunigung erhöht einfach den Umsatz. Die Arbeit wartet nicht, aber was ist es noch, was mit ihr nicht wartet? Die Müllberge im Pazifik etwa, mittlerweile so groß wie ein neuer Kontinent? Was passiert dabei mit uns, den gänzlich Unerwarteten? Wenn wir nicht mehr über die Sprache verfügen, die wir gemeinsam sprechen könnten, weil wir keine Zeit haben, dann könnten wir doch immerhin fragen, was das für eine Sprache wäre? Ist sie etwa eine musikalische? Besteht sie überhaupt aus Tönen, Lauten?
Mein letztes Konzert hat mich eher visuell beschäftigt. Es war ein Konzert des Ensemble Modern in der Berliner Philharmonie, und ich muss zugeben, ich habe mehr zugesehen als zugehört. Denn ein Orchester zu erleben, das nach vierzig Jahren gemeinsamer Tätigkeit so aufeinander eingestimmt ist, mit solch einer Aufmerksamkeit sich einander zuwendet, ist etwas Wundervolles, und das Schauspiel, das sich mir bot, ist jenes, das der Soziologe und Cellist Richard Sennett in seinem Buch „Zusammenarbeit“ beschrieben hat. Er stellte darin anhand der Musik die außerordentliche Fähigkeit zum Teamwork dar, die unsere Gesellschaften über Jahrhunderte herausgebildet haben, und die heute wieder in Bedrängnis gerät – dieses Teamwork ist nicht etwa mit absolutem Gleichklang zu verwechseln, im Gegenteil, es ist gerade das Kunstwerk, Verschiedenes zu vereinbaren, und erfordert eigentlich wachsende Ohren. Ja es war auch für mich eine erstaunliche Erkenntnis, dass unsere Ohren nicht ausgewachsen sind, dass sie stets weiterwachsen müssen, und das hörbare sich aufeinander Einstimmen vor dem eigentlichen Beginn eines Konzertes erscheint mir bis heute als ein kleiner sichtbarer Teil dieses langen Prozesses, dessen Beginn nicht mehr auszumachen ist. Aber vielleicht genügt es auch, sich das vor Augen und Ohren zu führen, eine Wahrnehmung, die einmal auf angenehme Weise bigger than life wirkt. Und lindernd gegenüber dem panischen Flackern, das eine Herausforderung für alle Kunstschaffenden darstellt.

Wie schnell, frage ich mich beispielsweise als Schriftstellerin, kann man bei seiner Zeit überhaupt mitschreiben? Wird man nicht ohnehin ständig von den Ereignissen überholt? Was ist das für eine Blickposition, wenn diese an mir vorüberziehen, schneller als ich sie wahrnehmen könnte? Immerhin überholt mich nicht gleich das ganze Leben – „Vom Leben überholt“ sind eher diese Vielzahl an Flüchtlingskindern in Schweden, von denen der gleichnamige Dokumentarfilm von Kristine Samuelson erzählt. Es sind Kinder, die über Monate, ja manchmal Jahre in einen komaähnlichen Schlaf fallen, ein neues posttraumatisches Resignationssyndrom. Erst wenn sie sich sicher fühlen, erwachen sie wieder zum Leben. Aber leider handelt es sich diesmal um keine Dornröschengeschichte, der Prinz lässt auf sich warten, die Dornenhecke wächst noch, die Sicherheit will sich oft genug nicht einstellen. Vor allem die lange Ungewissheit im Asylprozess, der auf das Trauma folgt, löst meist die Krankheit erst aus.
Die Kehrseite der scheinbar allgemeinen Beschleunigung ist das Erschaffen von Zeitmonstern, von temporalen Monströsitäten als Symptome einer Just-in-time-Gesellschaft, ob es sich um elendige Warteschleifen, um Vorwegnahmen, um Stillstellungen, Bremsvorgänge und einem Aus-der-Zeit-Fallen handelt. Es sieht so aus, als ob die Geschwindigkeit der einen auf der Verlangsamung der anderen beruht, denen der vorauseilende Gehorsam der Dritten auch nicht mehr helfen kann.

Vorauseilender Gehorsam ist überhaupt etwas Merkwürdiges – man sagt, er enthebt uns immerhin der Peinlichkeit, den Riss zwischen Hier und Jetzt überhaupt noch wahrzunehmen, aber ich halte das für ein Gerücht, das Peinlichkeitsbefreite in die Welt setzen. Diesem Riss bleiben wir ausgesetzt, aber zum Glück haben wir zumindest auf der Bühne eine Figur, die immer in diesem Riss zu wohnen scheint, als wäre es eine Stelle, an der man sich wirklich aufhalten kann: Es ist der Comedian, sozusagen unser Stellvertreterpeinliche, seine Form von Witz ist erleichternd, und deswegen unglaublich beliebt.

Womit wir wieder beim Witz wären – ich muss sagen, ich hätte diese Rede wirklich gerne mit einem Witz begonnen. Dann wären wir auch gleich im richtigen Format gelandet. Wenn Karl Marx schreibt, dass sich alle weltgeschichtlichen Ereignisse zweimal ereignen, einmal als Tragödie, einmal als Farce, so könnten wir in unserem twitteraffinen Zeitalter hinzufügen, sie kehren in einer dritten Form wieder, im beständig erzählten Witz, allerdings ohne Pointe. Auf 160 Zeichen portioniert, in Wiederholungsschleifen.

An Wiederkehr mangelt es ja nicht – und was alles wiederkehrt! Das wiederkehrende Mittelalter steht neben dem wiederkehrenden 19. Jahrhundert, das neben der Wiederkehr des Barock sich einfindet. Es gibt das Mittelalter in Versionen, und das 18. Jahrhundert, es existiert in sehr unterschiedlichen Ausgaben, die oft unverhältnismäßig nebeneinanderstehen. Vor der wiederkehrenden Steinzeit wird ebenso gewarnt wie vor der Wiederkehr der Dinosaurier, die die Filmindustrie so lange beschäftigt hat. Es kehren Diktaturen und autoritäre Regime wieder, man spricht von der Wiederkehr der Nationalstaaten, und in diesem Zusammenhang klingt das fast schon harmlos.

Wir können uns zwar fragen, ob wir in der richtigen Wiederholung gelandet sind, um festzustellen, dass wir das gar nicht auswählen können. Nur der morgens nüchtern-asketische Mensch, der vormittags brutaler Kapitalist und nachmittags schon Moralist ist, abends gar ein Menschenfreund, glaubt, seine Wiederholungen selbst wählen zu können. Nur die Parallelwesen, die in ihren Parallelwelten und Blasen zu leben vermeinen, erinnern sich nicht mehr daran, dass es nur eine Welt gibt, und diese aus Zusammenhängen besteht. Zusammenhänge, in denen das wahre Mittelalter des einen die Neuzeit der andern ist, die Hypermoderne der Dritten resultiert aus der Steinzeit der Vierten. Was kann man da noch machen? Wie gehen wir damit um? Am besten, indem wir etwas in die Zukunft bringen, was wir bereits für erledigt halten. Als Gandhi beispielsweise gefragt wurde, was er über die europäische Aufklärung denke, soll er geantwortet haben, das hielte er für eine gute Idee.
In diesem Sinn müssen wir Dinge erfinden, die es vermeintlich schon gibt, immer wieder, sei es die Aufklärung, das Zusammenarbeiten, oder gar das Zuhören, diese durchaus heikle Aufgabe. Heute Abend könnten wir genau mit ihr anfangen, in gewisser Dosierung soll das sogar bewältigbar sein. Haben Sie also vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

© Kathrin Röggla, 2019